Aktuell macht ein Ansatz die Runde, demzufolge grundsätzlich jedes Handspiel mit einem indirekten Freistoß bestraft werden soll – sowohl außerhalb als auch innerhalb des Strafraums. Einen Elfmeter gäbe es bei diesem Vorschlag nur noch, wenn eine offensichtliche Torchance verhindert wird. Wird sogar ein klares Tor verhindert (z.B. bei einem Handspiel auf der Torlinie), folgt ein technisches Tor samt Platzverweis (im Prinzip eine Verschärfung der aktuellen Regel Elfmeter plus Platzverweis). Ist hingegen kein absichtliches Handspiel zu erkennen (z.B. weil der Gegner den Verteidiger anschießt), läuft das Spiel ganz einfach weiter.

Diesen Vorschlag machte vor allem Alex Feuerherdt von „Collinas Erben“ unter anderem auf sportschau.de1 und bei Spiegel Online2 publik, aufgegriffen wurde er unter anderem von Markus Sutera von der Süddeutschen Zeitung3.

Auslegung oder Strafmaß als Streitpunkt?

Dabei zeigt sich allerdings schon ein etwas unterschiedlicher Ausgangspunkt. Während Feuerherdt im Vorspann seines Textes als Problem nennt, dass „[die Handspielregel] immer wieder unterschiedlich ausgelegt [wird]“, nennt Sutera „nicht die Auslegung des Handspiels, sondern die unverhältnismäßige Spielstrafe“ als Streitpunkt. Das Gute daran: Von beiden Standpunkten betrachtet wäre der Alternativ-Vorschlag eine zufriedenstellende Lösung.

Wann ist eine Torchance offensichtlich?

Allerdings wirft der Ansatz neue Fragen auf. Zwar muss in diesem Rahmen nicht mehr geklärt werden, ob ein absichtliches Handspiel vorliegt, dafür aber sehr wohl, ob eine offensichtliche Torchance besteht. Muss dafür der Ball gezielt in Richtung Tor geschossen werden oder genügt schon ein Querpass zum zentral vor dem Tor (z.B. am Fünfmeterraum) stehenden Mitspieler? Grafisch könnte das so aussehen:

Rot = angreifende Mannschaft, Blau = verteidigende Mannschaft, Orange = Torwart, Grün = Passweg des Balles. Das Handspiel wird vom blauen Spieler rechts im Fünfmeterraum begangen.

Bei diesem Szenario handelt es sich übrigens nicht um ein rein fiktives Beispiel: So sah die Konstellation beim berühmten „Halbzeit-Elfmeter“ zwischen Mainz und Freiburg am 30. Spieltag der Saison 2017/18 aus (natürlich nicht exakt vermessen und ebenso wenig maßstabsgetreu). Falls die Regeländerung für diesen per Hand gestoppten Querpass keinen Elfmeter vorsieht, bekäme die angreifende Mannschaft anstelle eines Torschusses aus guter Position lediglich einen indirekten Freistoß auf der seitlichen Linie des Fünfmeterraumes, inklusive einer Mauer auf der Torlinie – und womöglich wildes Scheibenschießen, um den Ball per Gewaltschuss ins Ziel zu bringen.

Was passiert, wenn …?

Noch schwieriger wird es in den Fällen, in denen eine Flanke vom Flügel (außerhalb des Strafraums) zum zentral freistehenden Mitspieler vom Abwehrspieler knapp innerhalb des Strafraums mit der Hand gestoppt wird. Kommt der Pass wie vorgesehen an und bringt der Mitspieler den Ball unter Kontrolle und kommt zum Abschluss, läge eine offensichtliche Torchance vor. Erreicht die Flanke aber gar nicht erst ihr Ziel, kann man dieses Szenario ja nicht einfach voraussetzen. Folglich dürfte es hier streng genommen keinen Strafstoß geben. Somit würde eine potenziell sehr gute Chance zum Freistoß am Strafraumrand werden, inklusive einer in Erwartung darauf positionierter Abwehr.

Besonders extrem wird es, wenn sich der Torwart außerhalb des Tores aufhält, z.B. wenn er bei knappem Rückstand in der Nachspielzeit für einen eigenen Eckstoß in den gegnerischen Strafraum läuft. Ein denkbares Szenario: Der Ball wird geklärt, die verteidigende Mannschaft startet einen Konter. Kurz vor der Mittellinie wird ein Pass in den Lauf eines noch in der eigenen Spielhälfte befindlichen Mitspielers gespielt, der von einem mitgelaufenen Gegenspieler per Hand gestoppt wird. Resultiert aus diesem Handspiel im Mittelkreis nun ein Elfmeter oder ein Freistoß?

Rot = angreifende Mannschaft, Blau = verteidigende Mannschaft, Orange = aufgerückter Torwart der verteidigenden Mannschaft, Grüner Pfeil = Passweg des Balles. Das Handspiel wird vom blauen Spieler im Mittelkreis begangen.

Streng genommen wäre in einer solchen Situation ja sogar ein Strafstoß ein zu geringer Chancen-Ausgleich, verglichen mit einem unbedrängt aufs leere Tor zulaufenden Spieler. Der Graubereich dürfte in der Praxis also nicht unbedingt deutlich kleiner werden, sondern könnte sich im schlimmsten Fall lediglich verlagern. Diskussionen über eine „offensichtliche Torchance“ würden dann die Frage nach „Absicht oder nicht“ ablösen.

Chancen-Ausgleich oder wird der Vorteil sogar zum Nachteil?

Ein weiterer Nachteil der neuen Regelung wäre in jedem Fall der Verzicht auf die Dynamik des Spiels. Ein Ball in den Rücken der Abwehr (entgegen ihrer Laufrichtung) für einen Torschuss aus zentraler Position dürfte in den meisten Fällen erfolgversprechender sein als ein indirekter Freistoß seitlich vom Tor in Nähe der Torauslinie. An dieser Stelle sei noch einmal ein Zitat von Alex Feuerherdt erwähnt, der schon seit Jahren immer wieder betont (und betonen muss), dass aus einem Vorteil kein Nachteil entstehen darf. Das wäre aber streng genommen der Fall, wenn die verteidigende Mannschaft in oben genanntem Beispiel nicht nur den Pass unterbricht, sondern auch noch die Gelegenheit bekommt, deutlich mehr Spieler zwischen Ball und Tor zu stellen als im normalen Spielfluss (sieht man einmal von statischen Ausgangssituationen wie z.B. vorausgehenden Eck- oder Freistößen ab, wenn ein Handspiel von den Spielern in der Mauer begangen wird).

Ausnahme 1: Ein Handspiel, mit dem eine offensichtliche Torchance verhindert wird, führt zu einem Strafstoß, selbst wenn es außerhalb des Strafraums geschieht. Denn in diesem Fall wäre ein indirekter Freistoß zu wenig, weil der Gegner dann eine Mauer stellen dürfte. Durch den Elfmeter wird die klare Torchance wiederhergestellt.

Alex Feuerherdt, „War das jetzt Handspiel – oder nicht?“

Laut Feuerherdt selbst darf das also nicht möglich sein, sodass für solche Szenarien der Strafstoß als einzige mögliche Kompensation in Frage kommt. Und das dürfte dann in deutlich mehr Fällen zum Tragen kommen als gedacht.

Deshalb kann wahrscheinlich auch der neue Ansatz das Problem nicht vollends lösen. Vielleicht gibt es die ideale Lösung aber auch schlichtweg nicht …

Quellen

  1. Chaled Nahar und Benedikt Brinsa, Immer Ärger ums Handspiel, sportschau.de, 17. Januar 2019
  2. Alex Feuerherdt, War das jetzt Handspiel – oder nicht?, spiegel.de, 18. Februar 2019
  3. Markus Sutera, Indirekter Freistoß wäre die bessere Strafe, sueddeutsche.de, 7. März 2019