Gedämpft wurden diese hohen Erwartungen allerdings schon durch den kategorischen Ausschluss bestimmter Szenen, in denen der Videoassistent auch bei Bedarf nicht eingreifen solle.Im Umkehrschluss bedeutet das nichts anderes, als dass andere Szenen für bedeutsamer in Hinblick auf den Spielverlauf erachtet werden und Fehlentscheidungen dort dementsprechend schwerer wiegen. Allerdings zählen erstaunlicherweise z.B. gelb(-rot)e Karten und Eckbälle (neben anderen Situationen) nach wie vor nicht dazu.
Zudem wich die anfänglich breite Zustimmung schnell Kritik, nachdem die Anwendungsqualität eine massive Streuung aufwies. Zwar wurde inzwischen bereits zur Genüge wiederholt, dass eine klare Fehlentscheidung seitens des Feldschiedsrichters vorliegen müsse, damit der Videoassistent überhaupt eingreifen darf. Wie genau dieser Fall konkret aussieht, wurde aber bislang weder eindeutig kommuniziert noch lässt sich ein entsprechender Rahmen aus den sehr unterschiedlichen Eingriffsschwellen in den verschiedenen Spielen ableiten – was neben vielen anderen heute auch Mainz-Trainer Sandro Schwarz kritisch anmerkte.

Gerechtigkeit ohne Ecken (und Kanten)

Angesichts dieser undurchsichtigen Anwendung ist es besonders erstaunlich, dass weiterhin einige Schwarz-Weiß-Entscheidungen (die damit eindeutig aufgelöst werden könnten) von vornherein von der Zuhilfenahme des Videobeweises ausgenommen sind – beispielsweise Eckbälle. Auch wenn diese quasi unmittelbar zu einem Tor führen können und ihre Entstehung bis auf absolute Ausnahmen sehr genau überprüft werden kann (sprich: wer war zuletzt am Ball), ist der Wunsch nach mehr Gerechtigkeit hier anscheinend nicht groß genug. Das führt zu mitunter sehr kuriosen Entscheidungen, wie auch in der 35. Minute des Bundesligaspiels Borussia Dortmund gegen FC Augsburg (in dem es übrigens auch weitere Szenen gab, in denen ein zweiter Blick aus anderer Perspektive womöglich hilfreich gewesen wäre – vermutlich war dafür der Graubereich aber wieder einmal zu groß). Hier kam es im Augsburger Strafraum zum Zweikampf zwischen den beiden Verteidigern Manuel Akanji (Dortmund) und Jeffrey Gouweleeuw (Augsburg).

Nachdem Akanji den Ball mit dem Kopf berührte, sprang er an den ausgestreckten Unterarm Gouweleeuws und von dort ins Toraus. Die Entscheidung des Unparteiischen fiel auf Abstoß – was angesichts der Tatsache, dass eindeutig Gouweleeuw den Ball zuletzt berührte, eine klare Fehlentscheidung war. Es hätte also Eckball für Dortmund geben müssen – falls man das Handspiel als nicht strafbar auslegt. Ansonsten wäre ein Elfmeter die logische Konsequenz gewesen. Oder aber man wertet bereits das doch ziemlich deutliche Aufstützen Akanjis als Offensivfoul und unterbricht das Spiel schon hier zugunsten eines Freistoßes für Augsburg. Alle drei Szenarien (Eckball, Elfmeter, Freistoß Augsburg) wären in jedem Fall die richtigere Option gewesen und letztere mit hoher Wahrscheinlichkeit die beste. Da auch der Linienrichter offenbar nicht zur Klärung der Situation beitragen konnte, wären die Dienste des Videoassistenten hier wirklich wertvoll gewesen. Ohne großen Aufwand hätte man mit seiner Unterstützung die klare Fehlentscheidung vermeiden können – auch, wenn diese ziemlich sicher keine nennenswerten Auswirkungen auf den Ausgang des Spiels hatte. Eine Fehlentscheidung ist es trotzdem und die soll der Videobeweis schließlich verhindern. Man mag sich kaum vorstellen, wie das Echo ausfällt, wenn aus einem solchen Abstoß unmittelbar ein Tor entsteht…