Obwohl das Thema aus sportlicher Sicht recht schnell abgehakt war, bestimmte die besondere Situation auch noch Tage später die Schlagzeilen der Sportberichterstattung. Eine besonders ausufernde Diskussion gab es jedoch nicht (obwohl die eigentlich mehr Gerechtigkeit schaffende Neuerung seltsame Folgen haben soll: Ein Elfmeter könne nur nach dem Halbzeitpfiff, jedoch nicht nach dem Schlusspfiff verhängt werden – was jedoch nicht den Vorgaben des IFAB entspricht – und ein eventueller Nachschuss sei Mainz nicht erlaubt gewesen), denn bei allen Parteien bestand Einigkeit darin, dass die Entscheidungsfindung einfach nur äußerst unglücklich zustande kam und ähnliche Fälle in Zukunft natürlich vermieden werden sollen. In einer Testphase – in der sich der Videobeweis während der laufenden Saison 2017/2018 befindet – ist durchaus nachvollziehbar, wenn solche Ausnahmefälle nicht auf Anhieb mit absoluter Perfektion abgewickelt werden. Problematisch ist allerdings die Art und Weise, wie der DFB den aufkommenden Fragen begegnete. Der Reihe nach:

 

16. April 2018 – Spieltag

Am Spieltag selbst wurde die Situation allgemein als Kuriosum betrachtet, ohne dass großartige Vorwürfe in irgendeine Richtung erhoben wurden. Der FSV Mainz 05 hielt sich ohnehin aus absolut nachvollziehbaren Gründen relativ bedeckt, der SC Freiburg äußerte in Person von Sportvorstand Jochen Saier, dass zwar Verwirrung herrschte, der Club die Ereignisse aber „schweren Herzens akzeptieren“ müsse1. Schiedsrichter-Chef Lutz Michael Fröhlich äußerte sich bereits kurz nach dem Spiel im Studio des übertragenden Senders Eurosport zu der Situation und betonte einerseits die regelkonforme Abwicklung, räumte andererseits aber auch ein, dass die große Verwirrung unglücklich sei und man nicht von Werbung für den Videobeweis sprechen könne (vgl. 2, 3). Zu diesem Zeitpunkt kam allerdings auch schon die Frage auf, ob der Einsatz des Videobeweises (in diesem Fall besetzte Bibiana Steinhaus den Posten der Video-Assistentin) überhaupt noch zulässig war, da Guido Winkmann das Spielfeld bereits verlassen haben könnte. Dieser Frage ging der kicker noch in der Nacht zu Dienstag nach.

 

17. April 2018 – Der Tag danach

Bereits um 1:14 Uhr am sehr frühen Dienstagmorgen veröffentlichte das Sportmagazin auf seiner Website den Beitrag „Winkmanns Elfmeterpfiff: Was sagen die Regeln?“. Darin beschäftigt sich Autor Carsten Schröter (der Beitrag ist zusätzlich mit dem Kürzel drm versehen) unter anderem mit den bisher verfassten Regeln zum Videobeweis (die noch nicht einheitlich festgelegt sind) und dem Standort des Schiedsrichters, als dieser den Hinweis der Video-Assistentin erhält. Stichhaltige Beweise kann es hier anhand der Fernsehbilder nicht geben, daher schließt der Artikel mit dem Hinweis, dass etwaige Ermittlungen abzuwarten seien.

Schiedsrichter Guido Winkmann selbst hatte sich ebenfalls bereits nach dem Spiel zu der Situation geäußert, eine Aufzeichnung des kurzen Interviews 4 hat der Kicker ebenfalls in der Nacht zu Dienstag um 2:08 Uhr veröffentlicht. Während Herr Winkmann dort lediglich davon sprach, dass der Hinweis aus Köln kam, präzisierte er in einem um 13:45 Uhr veröffentlichten Beitrag auf dfb.de5, dass „Video-Assistentin Bibiana Steinhaus [ihn] noch auf dem Spielfeld auf ein strafbares Handspiel eines Freiburger Abwehrspielers im eigenen Strafraum aufmerksam“ machte. Auch in einem weiteren Interview, das RP-Online um 17:37 Uhr veröffentlichte6, bestätigte Herr Winkmann, dass er selbst kontaktiert wurde. Genau daran herrschen inzwischen aber doch erhebliche Zweifel. Womöglich nicht trotz, sondern gerade wegen des Hinweises von Lutz Michael Fröhlich im um 13:45 Uhr veröffentlichten Beitrag des DFB, dass „der Ton- und Bildmitschnitt aus dem Video-Assist-Center in Köln [belegen]“, dass der Kontakt tatsächlich vor dem Verlassen des Spielfelds zustande kam. Warum dieses Beweismaterial aber nicht in dem Zuge veröffentlicht wurde, wurde erstaunlicherweise nicht massiv hinterfragt (lediglich ein relativ reißerischer Beitrag vom 22. April 2018 auf bild.de nimmt diesen Hinweis auf7), obwohl die Freiburger am Folgetag im Zuge ihrer Bekanntgabe, von einem Einspruch abzusehen, das Thema „Standort des Schiedsrichters“ aufgriffen.

 

18. April 2018 – Zwei Tage später

Schon am Mittwochvormittag und damit deutlich vor Ablauf der Frist entschied sich der SC Freiburg öffentlich gegen die Option, die Wertung des Spiels gegen Mainz gerichtlich klären zu lassen. In der entsprechenden Stellungnahme8 wird jedoch mangelnde Transparenz und Zweifel an der regelkonformen Handhabung des Videobeweises zum Ausdruck gebracht. Die Medien nahmen die Worte der Freiburger noch einmal auf, doch damit schien das Thema auch erledigt zu sein. Bis der DFB am Donnerstag noch einmal erneut wenig nachvollziehbare Schritte unternahm.

 

19. April 2018 – Tag Drei, Thema vorbei?

Erst am Vortag hatte der SC Freiburg die seltsamen Initiativaussagen des DFB kritisiert und sich mehr Transparenz gewünscht, da löschte dieser die Aussagen von Guido Winkmann am Donnerstag aus dem entsprechenden Artikel auf seiner Seite und fügte ein zusätzliches Zitat von Lutz Michael Fröhlich hinzu, was u.a. die beiden Kicker-Redakteure Jörn Petersen und Carsten Schröter in einer um 18:35 veröffentlichten Meldung anmerkten9. Der angesprochene Beitrag findet sich in seiner aktuellen Form inklusive der vom Kicker angesprochenen zweiten Frage hier, die „Wayback Machine“ hat zudem einen Screenshot der ursprünglichen Version vom 18. April 2018 um 3:26 Uhr gespeichert, der  hier10 abgerufen werden kann. Zusätzlich gibt es dieses Capture auch noch einmal hier als Screenshot vom 26. April 2018 (ca. 711 KB), ebenfalls einen Screenshot des DFB-Artikels (ca. 744 KB) zum selben Zeitpunkt (es lässt sich aber bereits in der URL des DFB-Artikels erkennen, dass unter anderem die Überschrift geändert und der Name Winkmanns gegen Fröhlichs ausgetauscht wurde).

Als wäre das nicht schon genug, erklärte der Kicker zudem, dass seinen Recherchen zufolge „die Hörmuschel des Headsets […] nicht mehr vollständig in [Winkmanns] Ohr [steckte]“. Die Folgerung der Redakteure, dass der Schiedsrichter erst durch seine Assistenten und kurz nach Verlassen des Spielfelds auf die Szene aufmerksam gemacht wurde, deckt sich wie auch vom SC Freiburg angesprochen mit den Fernsehbildern, die eine relativ plötzliche Hektik zeigten. In dem Fall würde es auch keine Rolle spielen, dass der Hinweis seitens der Videoschiedsrichterin Bibiana Steinhaus eigentlich rechtzeitig erfolgte, sie aber von Guido Winkmann schlicht nicht gehört wurde. Ein weiteres Indiz, das die Recherchen des Kicker stützt, ist die Aussage von Lutz Michael Fröhlich, der sich in einem weiteren Gespräch nach Veröffentlichung der oben zitierten Meldung wie folgt äußerte:

„Deshalb ist es wichtig, dass die Information zu einem Check deutlich schneller vom Video-Assistenten an den Schiedsrichter weitergegeben wird und dass alle im Schiedsrichterteam in der Headset-Kommunikation bleiben, auch die Schiedsrichter-Assistenten.“

Lutz Michael Fröhlich11

Diese explizite Erwähnung der Schiedsrichter-Assistenten legt nahe, dass tatsächlich von ihnen das letztendlich entscheidende Signal an Guido Winkmann ausging, auch wenn das natürlich ebenso wenig zu beweisen ist wie der Verdacht, dass Herr Winkmann die Information zu spät erhielt. Unabhängig von der sportlich relevanten Seite dieser „Affäre“ lässt sich daher nur bzw. zumindest in Hinblick auf die Art und Weise der Kommunikation festhalten, dass diese zumindest kurzfristig wohl eher weniger für mehr Transparenz, stattdessen aber für mehr Transparente spricht …

Quellen

  1. Elfer nach Pausenpfiff! Entscheidung laut Saier „schon regelkonform“, kicker.de, 16.04.2018
  2. drm/Carsten Schröter, Winkmanns Elfmeterpfiff: Was sagen die Regeln?, kicker.de, 17.04.2018
  3. Simon Pausch, Jetzt hat der Videobeweis den Gipfel der Absurdität erreicht, welt.de, 17.04.2018
  4. Michael Ebert/ Carsten Schröter, Halbzeit-Elfer in Mainz: Das sagt Winkmann, kicker.de, 17.04.2018
  5. Winkmann: So kam es zum Elfmeter für Mainz gegen Freiburg, dfb.de, 17.04.2018
  6. Gianni Costa, „Dann kam über Funk: Guido, warte! Guido, warte!“, rp-online.de, 17.04.2018
  7. Christian Kitsch, Neue Transparenz? Alter Klüngel!, bild.de, 22.04.2018
  8. Stellungnahme des SC Freiburg zum Eingriff des Videoassistenten beim Spiel in Mainz, scfreiburg.com, 18.04.2018
  9. Jörn Petersen/Carsten Schröter, DFB gibt versteckt zu: Warum Winkmann nichts hörte, kicker.de, 19.04.2018
  10. Snapshot der „Wayback Machine“/, 26.04.2018
  11. Carsten Schröter, Im vierten Anlauf: Fröhlich klärt über Halbzeit-Elfmeter auf, kicker.de, 19.04.2018