In der besagten Szene grätschte Havard Nordtveit parallel zu Franck Ribery im eigenen Strafraum, um offenbar eine flache Hereingabe vor das Tor zu verhindern. Darauf bricht Ribery die Ausholbewegung ab und tippt den Ball Richtung Nordtveit. Der versucht, das Spielgerät wegzuspitzeln, zieht jedoch das Bein wieder zurück. Ribery setzt indes zum Lupfer an und hebt den Ball über seinen Gegenspieler hinweg, um direkt hinterherzuspringen. Mit hochgestreckten Armen und hängenden Beinen fällt er über den sich wegdrehenden Nordtveit. Wichtig dabei: Nordtveit kreuzt zu keiner Zeit aktiv den Laufweg von Ribery, der diesen stattdessen bewusst in Richtung des am Boden rutschenden bzw. sitzenden Nordtveit ändert. Normalerweise dürfte das eher als „sucht den Kontakt“ gewertet werden und das Spiel ohne Eingriff des Schiedsrichters weiterlaufen. Folglich wäre eine Meldung des Video-Assistenten nicht überraschend. Diese blieb jedoch aus und am Samstag beurteilte die Schiedsrichterkommission des DFB die Situation wie folgt:

„Der Video-Assistent hat in dieser Situation zurecht (sic) nicht eingegriffen, denn er soll nur eingreifen, wenn die Entscheidung klar und offensichtlich falsch ist. […] Diesen Vorgang als Foul zu bewerten ist eine Interpretationsfrage, die beim Schiedsrichter bleibt.“

Stellungnahme der DFB-Schiedsrichterkomission1

Wann ist „falsch“ wirklich falsch?

Fraglich ist, wann der Videobeweis dann überhaupt noch zum Einsatz kommen kann. Betrachtet man die vier vorgesehenen Szenarien „[1.] Torerzielung (Foul, Handspiel, Abseits und andere Regelwidrigkeiten), [2.] Strafstoß/Elfmeter (nicht oder falsch geahndete Vergehen), [3.] Rote Karte (nicht oder falsch geahndete Vergehen), [4.] Verwechslung eines Spielers (bei Roter, Gelb-Roter oder Gelber Karte)“2 bleibt offensichtlich lediglich der Fall 4 der Verwechslung, in dem eine objektiv falsche Entscheidung festgestellt werden kann. In allen anderen Fällen müsste die oben zitierte Einschränkung der Interpretationsfrage gelten.

Zudem bedeutet ein Eingriff des Video-Assistenten – sofern er sich an die Vorgabe „nur bei klarer und offensichtlicher Fehlentscheidung“ hält – ja zwangsläufig, dass die entsprechende vorangegangene Entscheidung des Hauptschiedsrichters in jedem Fall revidiert werden muss, weil sie „klar und offensichtlich falsch ist“. Insofern ist es sehr verwunderlich, dass der Videobeweis in den neun Spielen des ersten Spieltags insgesamt zehn Mal genutzt wurde, es allerdings nur in vier Fällen zu einer Änderung der ursprünglichen Entscheidung kam. In gerade einmal zwei Spielen (Gladbach – Leverkusen und Dortmund – Leipzig) kam der Video-Assistent nicht zum Einsatz, in den übrigen Partien lautet die Bilanz wie folgt:

Bayern München – 1899 Hoffenheim (3:1)

2 Eingriffe, zwei Korrekturen

79. Minute: Ein Foulelfmeter für Bayern wird nicht überprüft…
80. Minute: …dafür aber die Ausführung, weil einige Spieler (darunter Nachschuss-Torschütze Robben) zu früh in den Strafraum liefen. Das Tor wird zurückgenommen, der Elfmeter wiederholt.
88. Minute: Ein Tor von Thomas Müller wird wegen Handspiels zurückgenommen.

Hertha BSC – 1. FC Nürnberg (1:0)

2 Eingriffe, keine Korrektur

30. Minute: Das Tor von Ibisevic wird wegen eines möglichen Fouls von ihm überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung auf Tor.
83. Minute: Ein Handelfmeter für Nürnberg wird überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung auf Elfmeter.

Fortuna Düsseldorf – FC Augsburg (1:2)

1 Eingriff, keine Korrektur

59. Minute: Das Tor von Hinteregger wird wegen eines möglichen Fouls von Baier überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung auf Tor.

SC Freiburg – Eintracht Frankfurt (0:2)

1 Eingriff, keine Korrektur

90.+1 Minute: Ein mögliches Handspiel von Kostic wird überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung Einwurf.

Werder Bremen – Hannover 96 (1:1)

1 Eingriff, keine Korrektur

86. Minute: Tor von Gebre Selassie wird wegen Abseits überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung auf Tor.

VfL Wolfsburg – Schalke 04 (2:1)

2 Eingriffe, zwei Korrekturen

65. Minute: Rote statt Gelber Karte gegen Nastasic
69. Minute: Gelbe statt Roter Karte gegen Weghorst

FSV Mainz 01 – VfB Stuttgart (1:0)

1 Eingriff, keine Korrektur

60. Minute: Ein mögliches Handspiel von Insua wird überprüft, doch es bleibt bei der Entscheidung, keinen Elfmeter zu geben.

Angesichts dieser Bandbreite und der alles andere als konsequenten Linie bei der Anwendung des Videobeweises wird die Frage erlaubt sein, wie genau die Schiedsrichter den Videobeweis einsetzen sollen – eine einheitliche Vorgabe ist offenbar nicht existent. Die Berufung auf den Interpretationsspielraum (in Bezug auf die Entscheidung im Auftaktspiel) wird durch die restlichen Partien desselben Spieltags ziemlich konterkariert und wirft zwei Fragen auf: Kann der Videobeweis in der Bundesliga so wirklich besser werden? Und warum sollen eindeutig objektiv aufzulösende Situationen (welcher Spieler hat den Ball zuletzt berührt und gibt es deshalb Ecke oder Abstoß bzw. Einwurf für welche Mannschaft?) ausdrücklich nicht per Videobeweis überprüft werden?

Quellen

  1. DFB-Schiedsrichterkommission: „VAR hat zurecht nicht eingegriffen“, dfb.de, 25.08.2018
  2. Fragen und Antworten zum Video-Assistenten, dfl.de, 10.08.2018