Die vom Unparteiischen gegebenen fünf Extra-Minuten erschienen nicht nur den Fürther Fans als ziemlich übertrieben. Durchaus nachvollziehbar, denn auf Basis bisheriger Erfahrungen aus den nationalen Wettbewerben hätte man wohl eher mit drei oder maximal vier Minuten Nachspielzeit gerechnet – die bei der WM ungewohnt langen Zeitboni rührten ja vor allem vom Videobeweis her, den es in dieser Phase des Pokals aber nicht gibt. Außergewöhnliche Unterbrechungen oder Pausen blieben ebenfalls aus und auch das zweite Tor und eine vorherige Rudelbildung gab es erst nach Ablauf der regulären Spielzeit. Somit konnten sie logischerweise keinen Einfluss auf diese vorher getroffene Entscheidung haben. Welche Gründe stattdessen eine Rolle spielten, wurde aber nicht aufgeklärt – vielleicht weil Gräfe sich nicht äußern wollte, möglicherweise wurde er aber auch schlicht nicht gefragt. Allerdings äußerte sich Alex Feuerherdt von Collinas Erben zum Thema1 und erklärte, dass der DFB zukünftig dem internationalen Standard folgt und längere Nachspielzeiten insbesondere bei knappen Spielständen ansetzen möchte2. Wie konsequent das gehandhabt wird, bleibt natürlich abzuwarten und ist ohnehin nur ein schwacher Trost für Fürth. Aber, auch das soll nicht untergehen, der Dortmunder Sieg war angesichts der Umstände zwar glücklich, aber auch keineswegs vollkommen unverdient. Die Nachspielzeit ist scließlich nicht der einzige Faktor, der dieses Spiel prägte.

Fürth erkämpft sich das Glück – in Form von Dortmunder Chancenwucher

Insgesamt verlief das Spiel wie es in der ersten Pokalrunde häufig der Fall ist: Der vermeintliche Favorit machte das Spiel, der unterklassige Gegner konzentrierte sich vor allem auf eine stabile Defensive und die Verhinderung eines Gegentors. Das gelang den Fürthern auch extrem lange, was aber nicht nur an der eigenen Disziplin lag. Der BVB machte sich mit ungenauen Zuspielen und technischen Fehlern selbst das Leben schwer. Gemäß dem Ruf ihres neuen Trainers Lucien Favre spielten die Borussen zwar reihenweise hochkarätige Chancen heraus, vergaben diese aber teils kläglich. Bereits zur Halbzeit gaben die Gäste zwölf Torschüsse ab, von denen allerdings nur vier auch aufs Tor kamen. Immer wieder blockten die Fürther die Versuche ab oder klärten gerade noch rechtzeitig zur Ecke (schon in der achten Minute gaben die Dortmunder in Person von Marcel Schmelzer, Marco Reus und Mahmoud Dahoud vier Schüsse direkt hintereinander ab, ohne einen Treffer zu erzielen). Offensiv kam für die Hausherren dadurch zwar wenig zustande, von ihren drei Versuchen stellten sich aber immerhin zwei als zielgerichtet heraus. Ein ähnliches Bild bot die zweite Halbzeit, obwohl Dortmund zwischen der 60. und 75. Minuten zwingend in Führung gehen musste. Nach einem Pfostentreffer von Christian Pulisic scheiterten Reus und Maximilian Philipp (69.) in einer Doppelchance und später nochmal Reus frei vor Torwart Sascha Burchert (75.), der den Schuss des Dortmunder Kapitäns noch um den Pfosten lenken konnte.

Es fehlen nur Sekunden, aber das gleich zwei Mal

Kurz darauf zahlte sich für die Gastgeber der Ansatz einer kontrollierten Defensive aus und sie gingen in der 77. Minute in Führung. Dortmund wurde dadurch zwischenzeitlich sogar hektisch und kam gegen die Fürther Abwehrreihen kaum noch nennenswert zum Zug. Mit der Führung im Rücken behielt die Heimmannschaft die disziplinierte Ordnung bei – bis auf die Szene kurz vor Schluss. Die weit aufgerückten Dortmunder versammelten sich allesamt auf Höhe des Strafraums, während Torhüter Roman Bürki nach einem Befreiungsschlag bereits in der gegnerischen Hälfte den finalen Angriff einleitete – mit einem bereits glücklich am Gegner vorbeigebrachten Pass Richtung Marco Reus. Der hatte sich vollkommen ungedeckt auf der linken Seite aus dem Strafraum nach hinten orientiert und schlug von dort eine Flanke auf den zweiten Pfosten – an dem wiederrum ebenfalls ungedeckt Axel Witsel zum Ausgleich traf. Währenddessen hielten sich gleich vier Fürther Spieler ohne jede Bindung zum Gegner im leeren Raum zentral vor dem Strafraum auf. Das ermöglichte dem BVB die Überzahl im Strafraum und damit den ungestörten Torabschluss.

In der Verlängerung zeigte sich Fürth kaum geschockt und kam sogar zwei Mal zu großen Chancen. Zunächst scheiterte Lukas Gugganig an Bürki (103.), anschließend parierte dieser auch noch im Duell gegen Fabian Reese (113.), der sich im Laufduell gegen Marcel Schmelzer durchsetzte und aus spitzem Winkel den Abschluss suchte – definitiv die sportlich faire Lösung, denn Schmelzer rutschte wohl nur knapp an Notbremse und Strafstoß vorbei… Doch die Entscheidung wurde teuer bezahlt: Auf der anderen Seite tauchte Jadon Sancho in der 120. Minute an fast der gleichen Stelle im gegnerischen Strafraum auf. Mit einem Dribbling zog er die Aufmerksamkeit auf sich und legte im richtigen Moment quer zum komplett unbewachten Reus, der zentral und wenige Meter vor dem Tor freistehend die letzte seiner diversen Chancen zum Siegtreffer nutzte. Bei allem Verständnis für den Unmut der Fürther Fans sollte man deshalb nicht vergessen, dass ihr Team gleich zwei Mal kurz vor dem Schlusspfiff nicht mehr den entscheidenden Schritt machte und dem BVB damit den nötigen Freiraum bot, den dieser zum Weiterkommen brauchte.

Quellen

  1. Last-Minute-Sieg des BVB in Fürth: Diskussionen um die Nachspielzeit, web.de, 21.08.2018
  2. Tweet von @CollinasErben, twitter.com, 21.08.2018