Insbesondere dann, wenn das betroffene Team eine sehr ähnliche Erfahrung bereits in der Vorsaison machen musste („Minnesota Miracle“) und ein Jahr später auf so umstrittene Art und Weise unterliegt, wie es im NFC-Duell zwischen den New Orleans Saints und den Los Angeles Rams (zum Highlight-Video der NFL auf Youtube) am 20. Januar 2019 der Fall war. Ein No-Call trotz eines eindeutigen Vergehens von Rams-Cornerback Nickell Robey-Coleman half den Gästen aus LA, die letztlich in der Overtime das glücklichere Ende für sich hatten. Aber auch wenn diese Entscheidung des Schiedsrichtergespanns eindeutig falsch war und zu diesem Zeitpunkt massiven Einfluss auf das Spiel hatte, war sie längst nicht der einzige Grund für die Niederlage der Saints.

Schwächen in der Red Zone

Bis Ende der regulären Spielzeit bewegten sich beide Teams statistisch auf Augenhöhe, jeweils drei Field Goals, zwei Touchdowns und vier Punts standen zu Buche. Den Rams unterlief zusätzliche eine Interception direkt im ersten Drive. Die Saints absolvierten zudem jeweils die letzten Sekunden der beiden Hälften in Ballbesitz, konnten dadurch aber beide Male nur noch einen Snap vollziehen und abknien. Angesichts der bloßen Zahlen wiegt die Fehlentscheidung zum Ende des vierten Quarters also gefühlt umso schwerer. Aber das ist eben auch nur die halbe Wahrheit, denn ebenso auffällig war die beiderseitige Schwäche in der Red Zone.

Hier taten sich die Teams besonders schwer. Fast alle Field Goals der regulären Spielzeit resultierten aus einem erfolglosen dritten Versuch innerhalb der gegnerischen 20-Yard-Linie. Lediglich der unter Zeitdruck gespieltefinale Rams-Drive zum 23:23-Ausgleich endete mit 3rd & 7 bereits an der 30-Yard-Linie der Saints. Auf der anderen Seite ging dem finalen Field Goal der Saints der vieldiskutierte No-Call voraus, der den Gastgebern gar keine andere Option mehr ließ.

Nicht genutzte Chancen im ersten Viertel

Allerdings nutzten die Saints auch gleich zu Beginn des Spiels die große Chance nach der Interception nicht optimal aus. Wie im ersten Drive reichte es bei 3rd & 7 nicht für weiteren Raumgewinn. Den Auftakt machte Tight End Dan Arnold da noch mit einem nicht festgehaltenen Pass in der gegnerischen Endzone. Kurz darauf gelang trotz der besagten Interception an der 15-Yards-Linie der Rams erneut lediglich ein Field Goal. Erst mit dem dritten Score gelang der überfällige Touchdown.

So endete das erste Viertel mit einer 13:0-Führung der Saints, möglich wäre (selbst ohne Extrapunkte) bereits zu diesem Zeitpunkt eine 18:0-Führung gewesen. Eine Nachlässigkeit, die sich spätestens zum Ende des zweiten Quarters deutlich zeigte: Den Saints gelang im zweiten Spielabschnitt gar kein Punkt, zwei Mal mussten sie punten. Die Rams schwächelten zwar bei ihrem ersten Field Goal ebenfalls in der Red Zone, kamen dann aber nach einem 31-Yard-Pass auf Wide Receiver Brandin Cooks (der noch zusätzliche fünf Yards erlief) direkt bei 1st & Goal zum Touchdown (Todd Gurley mit einem 6-Yard-Lauf). So stand es plötzlich nur noch 13:10 für New Orleans.

Der Aufschwung hält nicht lange an

Trotz des ungünstigen Spielverlaufs aus Sicht der Hausherren trumpften sie direkt im ersten Drive der zweiten Hälfte groß auf. Dieses Mal nutzten sie den dritten Versuch kurz vor der Endzone zum Touchdown. Allzweckwaffe Taysom Hill fing einen  kurzen Pass von Quarterback Drew Brees und baute den Vorsprung aus. Die Rams schlugen jedoch umgehend zurück, auf der anderen Seite veredelte Quarterback Jared Goff das dritte Down mit einem Pass auf Tight End Tyler Higbee.

So richtig in Fahrt kam jedoch keines der beiden Teams, der Aufschwung verlor sich direkt in den folgenden Punts. Danach gelang Goff zwar erneut ein langer Pass (33 Yards auf Wide Receiver Josh Reynolds), anschließend ging es von der 7-Yard-Linie der Saints aber gegen die hier starke Heim-Defense nur noch sechs Yards voran. So blieb erneut nur ein Field Goal, mit dem die Gäste immerhin zum Ausgleich kamen.

Alle Zeit der Welt – und dann der lange Pass

Für die Saints bedeutete dieser kleine Rückschlag allerdings die Gelegenheit, ihrerseits durch den Kicker zum Sieg zu kommen und lediglich in Field-Goal-Reichweite kommen zu müssen. Relativ entspannt spielten sie sich über das Feld, u.a. nahm Running Back Alvin Kamara einen Hit von gleich zwei Gegenspielern in Kauf, um die Zeit nicht durch einen Lauf ins Aus anzuhalten. Kurz danach feuerte Brees jedoch einen langen Pass über 42 Yards auf Wide Receiver Ted Ginn, der an der gegnerischen 13-Yard-Linie vom halbherzigen Eingreifen Lamarcus Joyners profitierte – der Rams-Safety nutzte weder die Chance auf ein Wegschlagen des Footballs noch auf die ebenfalls mögliche (wenngleich natürlich schwerere) Interception.

Mit nur noch 1:58 Minuten auf der Uhr und zwei verbleibenden Time-Outs für die Rams (die Two-Minute-Warning spielte ihnen hier in die Karten) wählten die Saints erstaunlicherweise zunächst das Pass-Spiel (womöglich eben genau wegen dieses Überraschungseffekts) statt mit einem Lauf weitere Zeit von der Uhr zu nehmen. Der Passversuch endete allerdings erfolglos und sparte den Rams dadurch ein weiteres Time-Out. Erst im nächsten Spielzug mussten sich die Gäste von einer Auszeit verabschieden, nachdem Kamara zum Lauf ansetzte. Ohne Raumgewinn kam es dann zum wichtigen 3rd & 10 – mindestens ein neues First Down musste her.

Erneut wagte Brees den Pass, dieses Mal auf Wide Receiver Tommylee Lewis an der rechten Seitenlinie. Bevor dieser allerdings den Ball fangen konnte, wurde er von Robey-Coleman mit voller Wucht abgeräumt. Das Referee-Team sah zum Erstaunen wohl aller Beteiligten (selbst Robey-Coleman hielt sich zunächst sehr deutlich mit den sonst üblichen Jubelposen zurück) keinen Grund zum Eingreifen und so standen die Saints trotz der eigentlichen guten Ausgangsposition plötzlich mit erneut gestoppter Zeit beim vierten Versuch. Ihnen blieb also nur noch das Field Goal, das Will Lutz nervenstark verwandelte.

Die Rams nutzen ihre letzte Chance gleich doppelt

Der fade Beigeschmack: Die Rams hatten mit 1:45 Minuten und ihrer letzten Auszeit eine durchaus realistische Chance auf den erneuten Ausgleich, den sie nach ein paar kurzen Pässen und Läufen auch aus 38 Yards erzielten. In der Overtime unterlief Brees dann zum denkbar ungünstigen Zeitpunkt eine Interception, die der gerade warmgelaufene Kicker Greg Zuerlein letzten Endes mit einem Field Goal aus 57 Yards in die erste Führung der Rams ummünzte – die gleichbedeutend mit dem Sieg war.

Rückblickend bleibt also festzuhalten, dass der No-Call kurz vor dem letzten Field Goal der Saints selbstverständlich eine eklatante Fehlentscheidung war. Nimmt man die Spielsituation für sich, wurde der Game Plan von New Orleans für die Endphase des Spiels durchkreuzt. Ein neues First Down oder sogar ein Touchdown wäre ohne Foul absolut machbar gewesen und auch die Penalty Flag für eine Pass Interference hätte als Spot Foul ein neues First Down zur Folge gehabt.

Allerdings darf man durchaus infrage stellen, warum die Saints in ihrem letzten Drive nicht wesentlich konsequenter die Zeit herunterlaufen ließen. Zudem wiegen die vor allem im ersten Viertel liegen gelassenen Punkte nun umso schwerer – selbst ein einziger weiterer Touchdown ohne Extrapunkt (statt eines Field Goals) hätte rechnerisch ja bereits gereicht.

Grau ist alle Theorie …

Selbstverständlich weiß niemand, wie sich das Spiel mit anderen Zwischenständen entwickelt und ob eine höhere Führung im ersten Viertel bis zum Ende hält. Es bleibt trotz aller Wahrscheinlichkeit Spekulation, dass die Rams dann eventuell riskantere Entscheidung hätten treffen müssen und zum Beispiel eine Two-Point-Conversion statt eines Extrapunkts versucht hätten. Unabhängig von diesen Vermutungen ist es aus Sicht der Saints angesichts der durch eigenes Verschulden ausgelassenen Chancen etwas vermessen, die zugegeben sehr bittere Niederlage allein auf den inzwischen schon berühmt-berüchtigten No-Call zu schieben. Schließlich endeten auch im entsprechenden Drive beide direkt vorhergehenden Spielzüge (Incomplete Pass, Lauf ohne Raumgewinn) erfolglos und zwangen die Saints quasi erst zu einem weiteren Pass – mit nur zwei halbwegs guten Läufen zuvor hätte durchaus auch im dritten Versuch die (vermeintlich) sichere Variante eines kurzen Runs zur Wahl gestanden.

Selbst wenn es dann trotzdem nur zum Field Goal gereicht hätte, wären die Rams anschließend ohne verbleibende Auszeit wesentlich limitierter in der Gestaltung ihrer Offense gewesen. Das soll nicht heißen, dass die Saints-Fans keine guten Gründe zur Beschwerde hätten. Objektiv betrachtet sollten sie ihren Unmut bei allem Verständnis aber nicht einzig und allein auf diese eine Szene reduzieren – so schwer das auch ist.