Der Grund für diese Hartnäckigkeit (man kann es auch gern als Sturheit bezeichnen) liegt schlicht darin, dass Kroos als einer der Leader im Team gilt. Als Stammspieler beim dreifachen Champions-League-Sieger Real Madrid und Wortführer in der Nationalmannschaft (der bereits im Vorfeld der WM nicht mit Kritik an seinen Mitspielern sparte) gehörte er zu den wenigen etablierten Akteuren, die zumindest den Erwartungen an ihre Spielanteile gerecht wurden. Das macht ihn und die von ihm besetzte Position allerdings auch zu einem maßgeblichen Faktor im deutschen Spiel – im positiven wie im negativen Sinne. Damit ist er allerdings in guter Gesellschaft: Die Belgier sehen sich nach dem knappen Sieg über Japan und vor der vermutlich schweren Aufgabe gegen Brasilien mit der Position von Kevin de Bruyne – ebenfalls ein Spieler mit eindeutigen Qualitäten in der Offensive – einer ganz ähnlichen Diskussion ausgesetzt.

Wie im vorangegangenen Artikel erwähnt, ist Kroos ein offensiv ausgerichteter Mittelfeldspieler und kein Abräumer vor der hinteren Defensivreihe. Das zeigt sich auch im Verein, dort spielt Kroos vorwiegend in einem System mit mindestens einem defensiven Nebenmann und einem offensiv entlastenden Teamkollegen – ganz so wie früher in der Nationalmannschaft. Vor allem im internationalen Pokalwettbewerb wurde das deutlich: Basierend auf den taktischen Aufstellungen auf transfermarkt.de lief Real Madrid in der Champions-League-Saison 2017/2018 vorwiegend mit einem 4-3-3- oder 4-3-1-2-System auf. Vor der Vierer-Abwehrkette fanden sich meist drei defensive Mittelfeldspieler, in der Regel Kroos, Modric und Casemiro. Letzterer übernahm bei Bedarf auch die Rolle des alleinigen „Sechsers“ mit Kroos und Modric als davor positionierten, zentralen Mittelfeldspielern. Lediglich im Achtelfinal-Rückspiel bei Paris St. Germain (bei dem Toni Kroos nicht in der Startaufstellung stand), begann Real Madrid mit einem 4-4-2-System und einer „Doppel-Sechs“. Toni Kroos hatte also stets neben dem ebenfalls sehr gut für den Spielaufbau geeigneten Luka Modric auch noch einen zusätzlichen, sehr defensiv orientierten Nebenmann (Casemiro) an seiner Seite, um ihn beim Spielaufbau abzusichern.

Dreierpack bei Real

In der Liga lief Kroos in insgesamt 27 Spielen auf, 26 davon bestritt er von Anfang an. Der einzigen Einwechslung am 35. Spieltag stehen acht Auswechslungen gegenüber, die früheste ereignete sich in der 63. Minute – beim schon zur Halbzeit feststehenden 5:0-Sieg gegen den FC Sevilla am 15. Spieltag. Real Madrid spielte auch in der Liga vorwiegend mit einem 4-3-3 oder 4-3-1-2 (18 Spiele), in neun Spielen kam die „Doppel-Sechs“ zum Einsatz (übrigens meistens dann, wenn Casemiro nicht eingesetzt wurde/werden konnte). Als reiner „Sechser“ spielte Kroos nur am 2. Spieltag gegen Valencia (2:2), dazu insgesamt acht Mal mit einem Teamkollegen auf der „Doppel-Sechs“ (sowie einmal nach der Einwechslung). Interessant dabei: mit Kroos auf der „Doppel-Sechs“ oder als alleiniger „Sechser“ gelangen Real 5 Siege und 3 Unentschieden – ohne Niederlage. Grundsätzlich scheint das System mit Kroos auch zu funktionieren – man sollte allerdings bedenken, dass er bei Real nicht dieselbe Antreiberrolle übernehmen musste wie in der Nationalelf.

In der Nationalmannschaft absolvierte Kroos hingegen in der Saison 2017/18 insgesamt zehn Spiele vorwiegend auf der „Doppel-Sechs“, darunter die WM (3), die WM-Qualifikation (3) und Freundschaftsspiele (4). Während der WM spielte er zwei Mal an der Seite von Khedira, wie auch in drei der vier Freundschaftsspiele. In der Qualifikation spielte er hingegen zwei Mal neben Rudy (ebenso im zweiten WM-Spiel, bis Rudy verletzt ausgewechselt werden musste und von Ilkay Gündogan – ansonsten nur einmal Partner von Kroos im Testspiel gegen Brasilien – ersetzt wurde), lediglich in der Partie gegen Tschechien am 1. September 2017 spielte Kroos in einem 5er-Mittelfeld alleine den defensiven Part. Auffällig bei der Bilanz: Die Partien an der Seite von Khedira konnten mit Ausnahme des 2:1-Sieges über Saudi-Arabien nicht gewonnen werden (jeweils 2 Unentschieden und 2 Niederlagen).

Der richtige Spieler im falschen System?

Da kommt jedoch auch wieder der Team-Gedanke ins Spiel, schließlich war Kroos ganz offensichtlich nicht der Einzige, der während der WM sein Potenzial nicht abrufen konnte. Einem Thomas Müller sah man die Unzufriedenheit mit der eigenen Leistung förmlich an und auch ein Mesut Özil oder ein Sami Khedira spielten längst nicht auf dem gewohnten Niveau. Auch neue Kräfte wie Julian Draxler oder Timo Werner blieben hinter den Erwartungen ebenso deutlich zurück wie der erfahrene Mario Gomez oder Mats Hummels. Genug mögliche Gründe, an denen man das schlechte Abschneiden der Nationalmannschaft festmachen könnte – und doch taucht in einer Vielzahl der Argumentationsketten irgendwann wieder Toni Kroos auf. Nicht nur, weil er offenkundig eine wichtige Rolle in den Planungen spielte, sondern das auch musste und vor allem wollte. Dafür hätte er jedoch in erster Linie ein System benötigt, in dem er seine zweifellos vorhandenen Stärken optimal einbringen kann.