Viel wurde zuletzt im Rahmen der WM über Toni Kroos gesprochen, teilweise wurde ihm sogar Desinteresse an der Titelverteidigung nachgesagt. Angesichts seiner Erfolge sei er womöglich „satt“ und lustlos, das würde ja schließlich auch sein behäbiges Zurücklaufen erklären. Sowohl gegen Mexiko als auch gegen Schweden fiel das auf, in beiden Spielen ließ sich das deutsche Team nach einem Ballverlust allzu leicht auskontern. War Kroos dabei gegen Mexiko schlichtweg zu langsam unterwegs, so verursachte er gegen Schweden zunächst selbst den Ballverlust (durch einen allzu lässigen Fehlpass) und versäumte es anschließend, den direkt vor ihm stehenden Ola Toivonen konsequent (also quasi in Manndeckung) zu verfolgen. Stattdessen lief ihm der schwedische Stürmer im Rücken davon und hatte dann gegenüber Antonio Rüdiger den entscheidenden Positionsvorteil, um zum Abschluss zu kommen.

Ruhe und Technik statt explosive Schnelligkeit

An sich keine Überraschung, denn Toni Kroos ist einfach kein defensiver Mittelfeldspieler. Auch wenn er die Position des „Sechsers“ besetzt, ist er kaum in die Abwehrarbeit eingebunden, nur selten läuft er ballführende Gegenspieler an oder sorgt für Ballgewinne. Im Gegensatz zu anderen reinen Offensiven (nehmen wir als absolutes Negativbeispiel Neymar) verweigert sich Kroos aber nicht komplett der Abwehrarbeit, seinen Rolle im taktischen Konzept füllt er aus und besetzt damit die ihm zugeteilten Räume. Aber sein Tempo ist nun mal generell nicht besonders hoch und war es auch nie – was auch den Vorwürfen widerspricht, dass seine Erfolge nun entsprechende Auswirkungen hätten. Kroos ist schlichtweg kein Sprinter, seine Qualitäten liegen unter anderem in seiner unaufgeregten Spielweise. Neben der ausgeprägten Ruhe am Ball hat Kroos in der Regel einen sehr guten Überblick und vereint Präzision und Kraft bei langen Bällen und Torabschlüssen. Mit diesen Stärken ist er geradezu prädestiniert für die Rolle als 8er oder gegebenenfalls sogar als 10er, benötigt aber zur vollen Entfaltung eine verlässliche Absicherung.

Keine Sicherheit ohne Absicherung

Bei den letzten beiden Turnieren (WM 2014, EM 2016) fand sich Kroos meist als „Achter“ mit einem defensiver ausgerichteten Nebenmann wieder, abgesichert von einem zusätzlichen Abräumer (meistens war das Bastian Schweinsteiger, der ihm zudem bei Bedarf im Spielaufbau zur Seite stand). Bei dieser WM ist Kroos allerdings defensiver positioniert und hat statt eines Hintermannes nur noch einen Nebenmann. Dadurch wirkt die Bindung zur Offensive etwas gehemmt, der Draht zur Defensive ist weiterhin eher locker gespannt. Im Spiel gegen Mexiko verlor dann auch noch ausgerechnet der aufgerückte, defensive Gegenpart zu Kroos (in dem Fall Sami Khedira) den Ball, so dass Kroos und sogar der noch weiter vorn postierte Mesut Özil zurückarbeiten mussten – für Özil gilt hier dasselbe wie für Kroos: seine Stärken liegen in der gegnerischen Hälfte und nicht im eigenen Strafraum.

Zurück zu bewährter Taktik?

Auch hier lässt sich die Situation auf die taktische Änderung und den fehlenden Hintermann zurückführen (wobei das ausdrücklich nicht als der definitive Grund herangezogen werden soll): Wenn Kroos wie bei dieser WM aus dem Spiel genommen wird, fehlt ein zweiter Aufbauspieler, um das Mittelfeld zu überbrücken – früher war das Schweinsteiger, der die sich bietenden Räume ebenfalls gut erkennen und nutzen konnte und in dem Fall mit zum Beispiel Khedira eine defensive Absicherung hatte. Möglicherweise wäre daher beim aktuellen Turnier eine grundsätzliche Option, Khedira beziehungsweise sogar Leon Goretzka oder Matthias Ginter als Abräumer vor einer Viererkette einzusetzen (Sebastian Rudy fällt aufgrund seines Nasenbeinbruchs vermutlich erst einmal aus), dafür Kroos und Gündogan den gemeinsamen Spielaufbau zu überlassen und schließlich mit Marco Reus oder Timo Werner über links (Julian Draxler hat sich hier bislang nicht nachdrücklich empfehlen können) und Mesut Özil oder Julian Brandt über rechts sowie Thomas Müller oder Mario Gomez (eventuell in Abhängigkeit der gegnerischen Abwehrreihe) als zentrale Spitze zu stürmen.